Deutsch zum Anfassen –

Bauhaus und andere Lernorte im DaF Unterricht

 

Sprache oder Inhalt? - die Diskussion zur Integration von bedeutungsvollen Inhalten und angemessener Sprachverwendung wird in der Fremdsprachendidaktik intensiv geführt und zum Beispiel in der Unterrichtspraxis in einer Reihe von Einzelbeiträgen dokumentiert (1). Die Grundfrage, polemisch gefasst als ‚Weltprobleme in Kindersprache?’, ist weder neu noch erscheint sie eindeutig lösbar: Wie kann es gelingen, den Fremdsprachenunterricht (FSU) so zu gestalten, dass von Beginn an für Schüler relevante Themen mit adäquaten Sprachlernsituationen gekoppelt werden?

 

Der hier vorgeschlagene Weg, (außerschulische) Lernorte systematisch für den Unterricht DaF zu nutzen, bietet eine Reihe von Lösungsmöglichkeiten, wenn dabei Praktikabilität und Nachhaltigkeit solcher Vorhaben mit bedacht werden. Außerschulische Lernorte sind weder eine Neuerfindung noch besonders originell und gehen auf reformpädagogische Ansätze zurück. (2) Insgesamt tragen sie der Überlegung Rechnung, dass sich Schule – und damit auch das deutschsprachige Klassenzimmer – mehr und mehr der sie umgebenden Wirklichkeit öffnen muss.

 

Es gibt spezifische Unterschiede zwischen der Lernsituation im deutschen Klassenzimmer und der Anwendungssituation in außerschulischen Lernorten. Beide existieren dabei nicht nebeneinander, sondern müssen durch ein geeignetes Lernarrangement sinnvoll miteinander verbunden werden. Mit dem Verlassen des Klassenzimmers tritt für die Lernsituation eine Bereicherung auf mehreren Ebenen ein. Lernen und Sprachanwendung erhalten einen zwingend authentischen Charakter, gewinnen an Bedeutsamkeit für die Schüler, wenn Lernorte bestimmte Voraussetzungen erfüllen, und stärken den sinnhaft-motivationalen Charakter von Sprachenlernen.

 

Ein solcher Lernort-Ansatz für den FSU kann nicht nur die Integration von Themen und Spracherwerb nachhaltig positiv beeinflussen, sondern hat zunächst einmal Konsequenzen für Lernstile (Abschnitt 1), Themenansätze und -auswahl (Abschnitt 2) und Methodenarrangements (Abschnitt 3). Er wird vermutlich Einwände hervorrufen, sowohl hinsichtlich der curricularen Einbindung (Abschnitt 4) als auch der leistbaren sprachlichen Umsetzung (Abschnitt 5). Kombiniert mit den Verfahren der Lernspirale wird er aber auch zu einer erweiterten Methodenkompetenz (Abschnitt 6) der Lernenden (und übrigens auch der Lehrenden!) führen können. Diese miteinander verbundenen Einzelaspekte werden in jeweils spezifischen Anwendungssituationen (am Beispiel von drei transferierbaren Projekten: ABC der Sprachen, Weimar, Bauhaus) im Folgenden praxisbezogen erörtert.

 

  1. Interaktives und interkulturelles Lernen - Lernstile

 

Ein Klassiker der US-amerikanischen Reformpädagogik, John Dewey, hat bereits vor mehr als hundert Jahren gefordert, dass sich Schule ihrem sozialen Umfeld aktiv öffnen müsse, statt in einer Situation des isolierten, selbst-referenziellen  Lernens zu verharren. Daraus leitet er als Beispiel ab: ‚The children are first given the raw material – the flax, the cotton plant, the wool as it comes from the back of the sheep (if we could take them to the place where the sheep are sheared, so much the better).’ (3). Mit diesem Grundsatz gilt Dewey bis heute als einer der Begründer des projekt-orientierten Unterrichts, der auch unter Fremdsprachenlehrern immer mehr Anhänger findet. Konsequent auf den FSU übertragen, beinhaltet Projektlernen nicht nur spezifisch kommunikative Lernchancen, sondern deutet auch die Rolle des Sprachlerners in eine um, in der dieser sich eigenverantwortlich an der Konstruktion der Sprachlernprozesse beteiligt und interaktiv tätig werden muss. Denn Sprachprojekte sind ohne den interaktiven Lerner weder denk- noch durchführbar.

 

Dies veranschaulicht ein Blick auf den vom Europarat entwickelten ‚Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen’ (4) vor dem Hintergrund der Diskussionen über die American Standards (5).

 

In den gängigen Lehrwerken für DaF – und dies gilt europaweit auch für die meisten Textbücher im FSU – hat sich der kommunikative Sprachunterricht (Communicative Language Teaching = CLT) seit längerem als Hauptvariante durchgesetzt. CLT ist dabei nicht als geschlossene Methode zu verstehen, sondern als Basis für einen sich ständig erneuernden, lernerzentrierten Sprachunterricht (6). Zu seiner Verbreitung haben die vom Europarat entwickelten Modern Language Projects vor allem deshalb beigetragen, weil zu ihren Leitzielen reale, lebensnahe Kommunikationssituationen gehören, die projekt-orientiertes, autonomes und interkulturelles Lernen ermöglichen und insbesondere von den Bedürfnissen, Interessen und Fähigkeiten der Lernenden ausgehen. Hier erhalten Lernorte bereits einen besonderen Stellenwert, wie z.B. im auch in den USA bekannt gewordenen Airport-Projekt (7), bei dem Schüler Passagiere und Flugpersonal im Flughafen Frankfurt/Main interviewen und daraus Dokumentationen für ihren Englischunterricht erstellen; damit werden die Einschränkungen der Textbucharbeit verlassen zugunsten eines offenen Systems (8).

 

 

Projekt 1: Das ABC der Sprachen

 

Auch das vom Goethe Institut entwickelte Instrument ‚Profile Deutsch’ (9) ist ein offenes System, ‚mit dem man Unterricht in den Bereichen Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache planen, durchführen und evaluieren kann.’ (10) Profile Deutsch ist die erste konkrete Umsetzung des ‚Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen’ (11) für eine Einzelsprache. Die im Referenzrahmen festgelegten Niveaustufen A1 (breakthrough) bis C2 (mastery) werden als globale und detaillierte ‚Kannbeschreibungen’ (von A1 bis B2) elektronisch mit

kombiniert und ermöglichen es, handlungs-orientiertes Sprachmaterial zusammenzustellen und Anforderungsprofile von Tests und Prüfungen in einem System abzurufen. Besonders interessant für die hier in Rede stehende Lernort-Konzeption ist die in Profile Deutsch ausgearbeitete erste Kategorie der ‚sprachlichen Mittel’; diese werden herangezogen, um zu beschreiben, was ,Menschen zum Handeln mit Hilfe spezifisch sprachlicher Mittel’ (12) auf bestimmten Sprachniveaus (also z.B. auf B1 = independent user, threshold) befähigt. Obwohl unabhängig von den American Standards entwickelt, ähneln sie diesen vor allem in Terminologie und Diktion weitgehend und geben darüber hinaus den Deutschlehrern die linguistischen und grammatikalischen Mittel mit Beispielen an die Hand. In den beschriebenen Sprachhandlungen und kulturspezifischen Aspekten lassen sich eine Vielzahl von Lernorten wieder finden, die zudem mit den entsprechenden sprachlichen Mitteln in einer ‚Sammelmappe’ kombiniert werden können – alle diese Informationen sind auf einer einzigen CD Rom miteinander vernetzt. (13)

 

Der Referenzrahmen ist mit herkömmlichen Wortschatz- oder Redemittellisten nicht mehr vergleichbar; er funktioniert (noch anders als sein Vorläufer, der ‚European Threshold Level’) auf der Grundlage einer auf vier Ebenen ausdifferenzierten kommunikativen Kompetenz:

 

Ob diese genannten Kompetenzen allerdings hinreichend oder sogar nur im Ansatz in kommunikativen Situationen im Fremdsprachen-Klassenzimmer selbst (als classroom discourse) oder vermittelt (als simulation, role play) auftreten oder herstellbar sind (14), wird mit dem hier in Rede stehenden Ansatz bezweifelt. Diese Zweifel beziehen sich nicht nur auf Ermüdungseffekte von Simulationen: also die gespielte Geburtstagsparty (die niemals stattfindet) oder die geplante Fahrradtour (die nicht aus der Schule hinausführt). Sie verstärken sich, wenn die 4 Eckpfeiler des CLT: creativity-autonomy-exploration-insight (15) nur annähernd erfüllt werden sollen. Wo also findet dann forschendes Lernen statt, ganz zu schweigen von schöpferischem Sprachhandeln und selbstständigen Aktionen, bei denen auch eigene Vorstellungen entwickelt werden können?

 

Forschendes Lernen erhält eine weitere Dimension, wenn Tandem-Lernen (hier als peer group instruction verstanden) hinzutritt. Der Referenzrahmen bietet dazu das Sprachenportfolio an. Insgesamt entspricht damit dieses Lern-Paket in besonderer Weise den sprachpolitischen Zielen des Europarates: ‚Informationen und Ideen mit jungen Menschen und Erwachsenen auszutauschen, die eine andere Sprache sprechen, und… eigene Gedanken und Gefühle mitzuteilen.’ (16)

 

  1. Sprache versus Inhalt? – Themenansätze (17)

 

 

‚Think of the absurdity of having to teach a language by itself.’ (18)

 

Aus heutiger Sicht wirkt Krashens Unterscheidung zwischen ‚language acquisition’ und ‚language learning’ der 1980er Jahre wie das Sprungbrett in eine neue, weiterführende Richtung auf dem Weg, die Schere zwischen Sprache und Inhalt in Sprachkursen zu schließen, nämlich: ‚the gap between language and content that prevails in most foreign language departments.’ (19) Diese Schere beschreibt nicht nur ein Problem auf College Ebene, sondern trifft umso mehr auf die Deutschprogramme der High Schools zu, die wegen des späten Starts (Grade 8) und zeitlichen Restriktionen in den Beschränkungen des Anfangsunterrichts gefangen bleiben und häufig die Findung spannender und bedeutungsvoller Themen den sprachlichen Erfordernissen und geringen Artikulationsmöglichkeiten ihrer Schüler in der Fremdsprache glauben opfern zu müssen. Viele Textbücher legen genau diese Strategie nahe. Aber was führt eigentlich zu dieser Catch-22 Situation, und wie kann sie überwunden werden?

 

Die Dichotomie, die in Krashens Theorie angelegt war, führte – und führt leider häufig immer noch – zu der Überzeugung, dass eine Fremdsprache wie z.B. Deutsch im schulischen Lernbetrieb eigentlich nicht vollständig erlernbar sei. Deshalb bauen viele Deutschprogramme (besonders der Privatschulen mit entsprechendem Klientel und internationalen Verbindungen) auf die Immersionssituation, die typischerweise durch einen Schüleraustausch hergestellt werden kann. Dieses für alle Fremdsprachenlehrer verständlicherweise sehr attraktive Hilfskonstrukt ist ohne Frage immer dann im Sinne der angestrebten linguistischen Kompetenz der Lernenden erfolgreich, wenn am Ende und als Ziel eines Sprachlehrgangs die Fahrkarte in das Zielsprachenland winkt. Es ist gewissermaßen die Idealsituation des Lernort-Ansatzes, weil hier alle Elemente des handlungs-, projekt-orientierten und interkulturellen Lernens zusammenkommen und die erworbene Sprachkompetenz im Austausch ihre authentische Anwendungssituation erfährt, auf die hinzuarbeiten der didaktische und methodische Inhalt des Großprojektes Austausch angelegt ist. Wer selbst Programme wie GAPP begleitet hat, weiß allerdings auch um die curricularen, sozialen und interkulturellen Bedingungen, die dabei nicht vernachlässigt werden dürfen (20).

 

Dieser Ausweg aus dem von Krashen aufgezeigten, scheinbaren Dilemma steht realistischer Weise aber nicht der Mehrheit der Sprachlernenden zur Verfügung, und hier stellt sich erneut die Frage, warum nicht die kleinen Immersionssituationen vor Ort, also die zielsprachen-orientierten Lernorte in der Umgebung der Lernenden, verstärkt genutzt werden sollten, um vielleicht ähnliche Effekte hervorzurufen. Zur Verdeutlichung lassen wir einen kleinen Exkurs in den australischen Bundesstaat Victoria zu: Hier veranstaltet der Deutschlehrerverband ATGV (Association of Teachers of German in Victoria) jährlich eine einwöchige Exkursion in das südaustralische Barossa Valley, das von deutschen Winzern gegründet einen kulturhistorischen deutschen Lernort in besonderer Geschlossenheit repräsentiert. Diese Exkursion ersetzt zwar nicht die vorhandenen Schüleraustausch-Programme, dient aber den Schülern der Jahrgangsstufe 10 als wichtiger Motivationsanker, ihre deutschen Sprachkenntnisse zum VCE (Victorian Certificate of Education) als Schulabschluss einzubringen.

 

Mit diesen Erfahrungen und Praktiken wird aber nicht nur Deweys Ausgangsbemerkung (absurdity … language by itself) empirisch bestätigt; sie führt noch nicht aus dem von Krashen beschriebenen Dilemma, das sich verkürzt so darstellt: ‚Language acquisition’ beschreibt einen impliziten Spracherwerb, der mit Hilfe von comprehensible input das Sprachenlernen in bestimmten Entwicklungsstufen vorstellt. ‚Language learning’ dagegen beruht auf explizitem Regelwissen, das nach seiner Überzeugung nicht direkt zum Spracherwerb beitragen kann (non-interface position). (21) Die Fachdidaktik hat sich vielfach mit der focus-on-form Diskussion beholfen, die als eher linguistischer Ansatz anstrebt, explizites Sprachenlernen in einen Unterricht zu integrieren, der ansonsten auf bedeutungsvolle Interaktionen und ganzheitliche Spracherfahrungen setzt, wenngleich die Pendelbewegung in umgekehrte Richtung nicht ausgeblieben ist, zumindest bei den Anglisten in Deutschland: ‚Insgesamt scheint der Englischunterricht heute stärker von der Pädagogik als von der Linguistik beeinflusst zu sein.’ (22)

 

Ohne diese Diskussion für beendet erklären zu wollen, wird hier einmal mehr an die Lernorte und ihre unterrichtspraktischen Konsequenzen erinnert. Unbestritten nämlich sind – in ganz Europa und auch im angelsächsischen Sprachraum – die Erfolge des bilingualen Unterrichts (TCFL = teaching content in a foreign language), weil hier ganz deutlich ein höherer Anteil von linguistischem Input zur Verfügung gestellt wird. Wie das folgende Praxisbeispiel zeigt, bietet der neue Themenansatz des Georgetown Curriculums einen Ausweg aus der oben beschriebenen Gemengelage an.

 

Projekt 2: Weimar neu lesen lernen

 

Die alte Goethe-Stadt Weimar ist – in anderer Hinsicht und Begrifflichkeit – ein ganz besonderer Lernort: für deutsche Geschichte und Gegenwart, kulturelle und politische Ereignisse und damit eine der beliebtesten Ikonen der amerikanischen Germanisten. Als die New Yorker Künstlerin Barbara Bloom ihre ‚Weimarer Pralinenschachtel’  präsentierte, hatte sie allerdings weniger diese oder den FSU insgesamt im Sinn, sondern handelte im Auftrag der Weimarer Stadtverwaltung, die die Feierlichkeiten zur Wahl Weimars als europäische Kulturhauptstadt 1999 ausrichtete. Was aber die Verpackung der Pralinen interessant für den DaF, z.B. in Nordamerika, machte, war ihre Doppelbödigkeit: Jede Verpackung erhielt – auf Vorder- und Rückseite – jeweils einen Text, der sich in kontroverser Absicht auf den jeweiligen Inhalt der ‚Praline’ bezog – jede Praline stand für eine bekannte Weimar-Ikone, z.B. das Hotel Elephant, Nietzsche, Ernst Thälmann und Buchenwald usw. Der doppelbödige Verpackungstext beschrieb die jeweilige Ikone/Praline aus unterschiedlicher – positiver und negativer – Perspektive und benutzte dazu unterschiedliche Sprachgenres, wie z.B. ‚Bericht’, ‚Leserbrief’, ‚Polemik’, mithin Textsorten, die auch im Sprachunterricht ständig verwendet werden. (23)

 

In Zusammenarbeit mit Professor Susanne Kord, Georgetown University Washington D.C., entwickelten wir im Goethe Institut Chicago daraus eine Seminarsequenz für Trainer und Deutschlehrer, die nur eine Funktion haben sollte: nämlich den Georgetown-Ansatz (24) in einem Workshop mit High School und College LehrerInnen zu verifizieren. Die Erfahrungen mit der Funktionalisierung von ‚tasks und genres’ im Sprachunterricht, die tatsächlich die Schere zwischen Inhalt und Sprache (25) schließen helfen, waren so positiv, dass der Workshop im Mittleren Westen dreimal wiederholt wurde (Chicago, Pokagon, Omaha).

 

Bereits in der Einladung zu den ‚Weimar-Seminaren’ war die Arbeitsfrage deutlich formuliert worden: Wie kann man von Anfang an mit bedeutungsvollen Inhalten arbeiten und trotzdem Sprache unterrichten? 

 

Im Verlauf der Seminare – und bei der Veröffentlichung der Teilnehmer-Produktionen, die zur weiteren Bearbeitung auffordern (26) - zeigte sich, dass der Inhalt von Blooms ‚Chocolates’ eigentlich austauschbar ist; ob die Ikone Weimar, Deutscher Reichstag, Buchenwald oder Ellis Island heißt, ist zwar nicht unerheblich, beeinflusst aber nicht die Qualität der Lernort-mit-Genre Methode, die Kords Prämisse‚ Inhalt von Anfang an, Sprache bis zum Schluss’ nachvollziehbar macht:

 

1)    Das Georgetowner Curriculum unterscheidet sich sowohl von Content Based-Instruction als auch von Focus on Form insofern, als dass die Gewichtung im Unterricht gleichermaßen auf Inhalt und Sprache liegt.

2)    Das gilt für jeden Kurs, vom Anfängerdeutsch bis zum Doktorandenseminar.

3)    Die übliche Unterscheidung zwischen “Sprachkursen” und “Inhaltskursen” wird damit unmöglich. Das gleiche gilt für Kursbezeichnungen, die sich nur auf Sprache beziehen (Introductory, Intermediate oder Advanced German).

4)    Unser Motto: “Inhalt von Anfang an, Sprache bis zum Schluss.” Wir versuchen damit, uns von einer Pädagogik abzugrenzen, die zu Beginn (die ersten 2-3 Jahre College-Deutsch) ausschließlich Sprache lehrt und ab dem 3. oder 4. Jahr ausschließlich Inhalte (meist Literatur/Kulturkurse), wobei “Sprachunterricht” sich fast immer auf Input und unstrukturierte “Diskussion” beschränkt.

5)    Unser Augenmerk im Sprachunterricht liegt auf drei Bereichen: accuracy, fluency, complexity. Damit grenzen wir uns von einer Pädagogik ab, in der allein grammatikalische Korrektheit “gutes Deutsch” konstituiert und in der der “native speaker” das Modell und (unerreichbare) Ziel für die Studenten darstellt.

6)    Die Integration von Inhalten und Sprachunterricht verstehen wir nicht als zusätzliche Grammatikübungen nach dem Lesen eines literarischen Textes (auch nicht da, wo’s passt, wie z. B. Konjunktivübungen nach dem Lesen von Brechts Wenn die Haifische Menschen wären). Statt dessen arbeiten wir verstärkt mit zwei Konzepten: Genre und Task (Aufgabe), wobei die sprachlich angemessene Erfüllung der gestellten Aufgabe immer vom jeweiligen Genre abhängt.

(27) und (28)

 

 

  1. Lernorte – authentische Erfahrungen

 

Auffällig an der Diskussion über handlungs- und projekt-orientierten FSU (29) ist die Tatsache, dass dort Lernorte eher als mögliche Variante oder gar Subkategorie auftauchen und dabei weitgehend traditionell und restriktiv interpretiert werden. Diese Vorstellungen gehen zwar deutlich über classroom discourse und simulations (Piepho) hinaus und anerkennen, dass Lernorte wie das Internet ‚selbstverantwortete Prozesse’ voraussetzen, die ‚in die eigene Regie und Verantwortung der Lernenden gestellt werden, denn Wissenserwerb ist kein Instruktions- sondern ein Konstruktionsprozess.’ (30) Aber Lernorte in dieser Fassung bleiben begrenzt auf ‚Klassenraum, Bücherei/Medienzentrum und Computerraum’ mit den Arbeitsformen ‚Projekt, Gruppe, Plenum’. (31) Weitergehende pädagogisch-didaktische Überlegungen zu konstruktivistischen Lernumgebungen erweitern diese immerhin um ‚die virtuellen Lernorte im Fächerplan, im Stundenplan und im Stoffplan’ (32), die neu gedacht werden müssten.

 

Der hier vorgeschlagene Lernort-Ansatz für den FSU geht einen wichtigen Schritt weiter: In diesem Sinne möchte er die letzte Station in Rivers Überlegungen zu seiner ersten machen:

 

‚In second language and bilingual situations, teachers with interactive aims have many possibilities available for strengthening language learning outside of the classroom through facilitating contacts between second-language learners and the native-speaker community surrounding them. …

In most communities, a little searching will lead to the discovery of some native speakers in the environs: expatriates, spouses, exchange students, visiting business executives, and experts of all kinds, often with their families, or newly arrived immigrants. …’ (33)

 

Zu Ende gedacht resultiert ein solches Vorhaben in einer ‘lernerorientierte(n) interkulturelle(n) Landeskundedidaktik’ mit der Konsequenz: ‚Lernorte müssen nach draußen, in die fremde Welt verlagert werden.’ (34). Statt dem Lernen durch Bücher werden Schüler/Studenten damit in die Lage versetzt, ‚durch Erkundungen und Expertenbefragungen die Welt (zu) erforschen.“ (35). Erneut muss hier aber ein wichtiger methodischer Verbindungsschritt unterstrichen werden – als Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung müssen Schüler das notwendige Werkzeug (vgl. Lernspirale in Abschnitt 5) dazu erwerben können. Erst dann werden authentische Vorhaben wie ‚Wir sind zum Bahnhof/Flughafen gefahren’ und ‚Deutsche und Deutsches im Stadtteil’ (36) Teile eines Deutsch-Curriculums werden können und den erhofften linguistischen Lernertrag bringen.

 

Damit Lernorte nicht unverbunden dem Unterricht angehängt werden müssen, hat sich das folgende Lernort-PAD bewährt:

 

PAD steht hier für pre-, after- und during- während des Prozesses, in dem ein Lernort erschlossen wird. Die Vertauschung der üblichen Reihenfolge – vor, während und nachher – ist dabei kein logischer Fehler, sondern eine Frage der Prioritäten. Für den effektiven Lernprozess sehr viel wichtiger als der eigentliche Besuch des Lernortes (during) ist nämlich die Vor- und Nachbereitung einer Exkursion, und das aus mehreren Gründen. Natürlich bleibt der Lernort Besuch einer der Höhepunkte des Vorhabens, gleichwohl wird er nur dann vom Mehraufwand her vertretbar und nachhaltig nutzbar, wenn die Einbindung in den laufenden Lernprozess professionell erfolgt.

D.h. im Einzelnen:

P
(re) – die Planung der Exkursion erfolgt im ‚normalen‘ Unterricht und sollte zeitlich ausreichenden Platz beanspruchen können. Neben der Themenauswahl, der Festlegung von Verantwortlichkeiten und zeitlichen Vorgaben geht es hier vor allem um die sprachliche Vorentlastung der anstehenden Arbeiten. Bereits an dieser Stelle sollen die Schüler aktive Verantwortung übernehmen und die Lehrperson ihre beratende Funktion betonen.

A
(fter) – welche Funktion die Ergebnisse der Exkursion haben, wie sie dokumentiert und weiterverfolgt werden können, ist entscheidend für die Nachhaltigkeit des Gelernten. Es geht eben nicht um eine Feierabends-Veranstaltung, sondern die Einbindung in den Gesamtprozess des Spracherwerbs und der Anwendungssituationen. Der gesamte sprachliche Produktionsprozess findet eigentlich erst in dieser Phase seine Vertiefung.

D
(uring) – damit wird die Exkursion keineswegs entbehrlich; im Gegenteil, der Ernstcharakter des Vorhabens wird erst dadurch etabliert, dass die Elemente, die hier erforscht werden können, entscheidend für einen positiven Ertrag sind. Die Qualität der Vorbereitung und die Ernsthaftigkeit der Gesamtplanung entscheiden mit darüber, dass in dieser Phase ein relativ offener Lernkanal entsteht, der die Eigentätigkeit der Schüler stimuliert und sie nicht ins off der Lokation, die Ablenkung in der Vielfalt abdriften lässt. Das gilt gleichermaßen für virtuelle Lernorte wie das Internet, dessen Beliebigkeit und Ablenkung oft kritisiert wurden.

 

Welche Resultate dann zu erwarten sind, kann das folgende Projektbeispiel zeigen, in dem der Lernort-Ansatz nicht nur – im Sinne einer Feiertags-Didaktik - Höhepunkt und Abschluss eines Unterrichtsgangs (field trip) war, sondern integraler Bestandteil eines FSU-Curriculums, und die Lernprozesse genauso nachhaltig verändert werden konnten, wie die Lehrer-Schüler Rolle und die damit verbundenen Werkstattprozesse bis hin zur Verfertigung neuer Unterrichtsanlässe für andere Lernende (Tandem-Lernen). Es handelt sich um das regional angebundene Bauhaus-Projekt der Northwestern University mit Pilotcharakter für andere Netzwerke.  

 

Bild: LO im FSU (Bauhaus in Chicago)

 

Projekt 3: Bauhaus in Chicago

Die Einbindung des Lernortes ‚Bauhaus’ in ein Sprachcurriculum wird hier deshalb im Detail beschrieben, damit das Potential eines solchen Ansatzes exemplarisch deutlich werden kann. Das Projekt Bauhaus in Chicago wurde durch eine Reihe inhaltlicher und pädagogischer Ziele angeregt und als Einheit an der Northwestern Universität für das Seminar Intermediate German Grammar and Composition:  Dimensionen im Schreiben – Berlin: Szenen des Jahrhunderts entwickelt (37).  Die Studenten sollten innerhalb einer Diskussion zur  Geschichte und Kultur in der deutschsprachigen Metropole Berlin auch deutsche Einflüsse auf die eigene US-amerikanische Umgebung entdecken lernen und sich aktiv mit Anknüpfungspunkten zwischen deutscher und amerikanischer Kultur beschäftigen.  Sowohl thematisch als auch methodisch bot sich in diesem Kontext die Integrierung des Lernorts Chicago an, die Raum für neue Perspektiven, Motivationsfaktoren, und auch Möglichkeiten zur Kommunikation und zur Produktion von Materialien schuf. 

 

Die Einheit Kultur und Architektur in Berlin und Chicago ist die letzte der vier Einheiten des Seminars (38), das das Konzept Genre zum Ausgangspunkt nimmt (39).  Nachdem die Studenten Personenportraits, Ortsbeschreibungen, und Erzählungen analysiert und verfasst haben, engagieren sie sich in der Einheit zu Berichten mit der Geschichte des Bauhauses von den Anfängen in Weimar über die Wirkungsstätten Dessau und Berlin bis in die USA, wobei auch die Bedeutung des Bauhauses für die amerikanische Alltagskultur, Urbanität, und das amerikanische Stadtbild überhaupt, bearbeitet wird.  Im Zentrum dieser Einheit und gewissermaßen des gesamten Kurses, da sich das Thema Geschichte der Großstadt über das Quartal hinzieht, steht eine Exkursion nach Chicago mit einer Architekturführung, die auf Deutsch von einer Dozentin der CAF (Chicago Architecture Foundation) geleitet wird.  Dies soll den Studenten eine aktive Auseinandersetzung mit der Sprache in einem konkreten, relevanten, entdeckenswerten und erforschbaren außerschulischen Umfeld ermöglichen.  Bei der Beschreibung einiger Aspekte dieser Einheit wird der Pilot-Charakter des Projekts zu betonen sein und die Tatsache, dass sich sowohl einzelne Aktivitäten als auch das Projekt als Ganzes leicht auf andere Städte, Orte,  und Kontexte übertragen lassen. 

 

Einführung: Thema Wohnen

Als effektiver Einstieg ins Thema hat sich die Besprechung einiger auf einem ausgeteilten Fragebogen aufgelisteten Fragen zu Wohnen und Architektur erwiesen, die Anlässe zu Diskussionen, Beobachtungen, und zum Nachdenken geben sollen.  Unter den Fragen befinden sich beispielsweise (40):

 

1.     Wie findest du das Zimmer, in dem du wohnst? 

2.     Wie würdest du das Gebäude beschreiben?  Wie alt ist es? 

3.     Wie sieht dein Traumhaus aus? 

4.     Hast du ein Lieblingsgebäude?  Was ist es? 

5.     Würdest du gern in einem Hochhaus wohnen? In welchem Alter?  Was sind Vorteile davon, was sind Nachteile? 

6.     Wodurch unterscheidet sich deine Heimatstadt von Chicago oder einer anderen amerikanischen Stadt oder einer deutschen oder europäischen Stadt? 

 

Nachdem die Studenten diese Fragen mit einem Partner 15-20 Minuten lang diskutiert haben, können im Plenum einige Fakten gesammelt werden, zum Beispiel die Vorteile von Wohnen in Hochhäusern zusammen aufgelistet oder die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Städten diskutiert werden.  Die Studenten empfinden diese Aktiviät als anregend und nützlich, da sie anfangs auf relativ einfachem Niveau über die eigenen Lebenssituationen sprechen können, aber dann auch Anstoß zu komplexeren und weitreichenden Gedankengängen in Bezug auf Stadtlandschaft und Architektur gegeben wird.

 

Einführung: Thema Architektur

Die nächste Aktivität kann an eine Reihe von Themen oder Kapiteln in Lehrbüchern (41) angeknüpft oder einzeln eingesetzt werden.  Die Diskussion diverser architektonischer Stile führt in diesem Kontext weiter zum Thema Bauhaus und zum Internationalen Stil. Die Studenten kommentieren mit Hilfe eines Arbeitsblatts etwa 6-8 Abbildungen von Bauten, die repräsentativ für bekannte Stile sind, wie Barock, Gothik, Burgenbau im Mittelalter, oder den Internationalen Stil.  Abgebildet sind zum Beispiel das Sony Center in Berlin, Burg Eltz in Rheinland-Pfalz, das Bauhausgebäude in Dessau, der Dom in Straßburg, Kloster Ettal in Bayern, und das Federal Center in Chicago.  Die Namen der Bauten sind anfangs nicht gegeben und die Abbildungen nur mit Zahlen versehen. An der Northwestern University stehen Bilder zur Verfügung, die die Autorin selbst auf einer Studienreise durch Deutschland zusammengestellt hat und die letztlich die Basis für Arbeitsblätter und Webseiten herstellen (42), aber auch Abbildungen aus dem Internet oder anderen Lehrwerken können zu diesem Zweck dienen.  Nachdem die Studenten eine Liste von hilfreichem Vokabular erhalten haben, beantworten sie Fragen zu den Bildern, zum Beispiel:

 

1.     Welche der Gebäude kommen aus dem 21. Jahrhundert? Welche aus dem Mittelalter? Wie kann man das erkennen? 

2.     Was ist das für ein Gebäude?  Ein Stadion, eine Fabrik, eine Zahnarztpraxis, ein Theater oder eine Schule?  Warum?  Was charakterisiert es? 

3.     Aus welchem Material ist dieses Gebäude? 

4.     Wenn Sie dieses Gebäude (eine kugelförmige Glasstruktur) als Geschenk bekämen, was würden Sie damit machen?  Wozu eignet es sich?  Warum? 

 

Diese Fragen diskutieren die Studenten zuerst in Gruppen und dann im Plenum.  Dann bekommen sie die Namen der Gebäude mit einer Beschreibung des Stils darunter, lesen sich gegenseitig die Paragraphen vor, und müssen entscheiden, zu welcher Bildzahl der Name und die Beschreibung passt.  Vokabeln, soweit nicht schon durch die oben genannte Aktivität integriert und geklärt, können weiterhin durch persönlich zusammengestellte Listen und interaktive Übungen ergänzt werden.  Gute Hilfsmaterialien und Arbeitsblätter sind auch durch die AATG Publikation von Thomas Schultze erhältlich: Von der Akropolis zum Bauhaus (43).

 

Weitere Aktivitäten zu Architektur

Diese Grundkenntnisse können durch weitere Diskussionsfragen zur Entstehung neuer Architektur in Gruppen ergänzt und dann im Plenum besprochen werden.  Beispiele sind:

 

Wie kommt es zu neuer Architektur?

Warum gibt es an manchen Orten Großstädte?

Wie und warum entwickeln sich Großstädte?

 

Diese Fragen lassen Themen wie Umweltbewusstsein, Finanzierung, Ideologie, oder praktische Aspekte wie die Zugänglichkeit durch Wasserwege zur Sprache kommen und die Lösungen zusammen erarbeiten.  Auch auf persönlicherer Ebene lässt sich die Relevanz der Archiektur veranschaulichen.  So können beispielsweise die Studenten aufgefordert werden, als Hausaufgabe ein Bild ihres Lieblingsgebäudes in die Klasse mitzubringen.  In Gruppen von vier Personen wird dann jedes Bild vorgestellt mit Betonung auf die Fragen: 

 

Was ist das für ein Gebäude?  (Schloss, Haus, Bürogebäude)

Warum ist das dein Lieblingsgebäude? 

Was hast du da gemacht? 

Wann ist es gebaut worden? 

Aus welchem Material ist es? 

 

Dann nominieren die Gruppen ein Bild, das besonders interessant ist und das der Klasse im Plenum vorgestellt wird.  Beispiele waren bereits der Bauernhof einer deutschen Großmutter in Norddeutschland und das neue Opernhaus von Frank Gehry in Sydney, Australien.  Auf diese Weise wird das Thema Wohnen und Architektur für die Einzelnen relevant gemacht und mit verschiedenen Aspekten des Lebens assoziiert.

 

Texte zum Bauhaus

Nachdem die wichtigsten Merkmale der architektonischen Stile eingeführt sind und die Studenten wissen, dass, beispielsweise, das Federal Center in Chicago repräsentativ für den Internationalen Stil ist, der dem deutschen Bauhaus entsprang, lesen sie Texte, die historische Hintergründe zum Bauhaus liefern (44), und finden als Hausaufgabe oder in Gruppen in der Klasse Antworten zu den gegebenen Fragen (45).

 

Was war das Bauhaus?

Was konnten Künstler hier tun, was außergewöhnlich war?

Was passierte 1925? 

Wer waren die Leiter des Bauhauses?  

Was sollte helfen, das Bauen zu verbilligen? 

 

Diese Fragen können im Unterricht diskutiert werden.  Individuell sollen die Studenten dann unter den vielen Künstlern, die am Bauhaus gearbeitet haben, einen oder eine auswählen, der oder die sie besonders interessiert und ein kleines Kurzreferat halten (Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Lyonel Feininger, Marianne Brandt, etc.).  Eine anregende Alternative ist auch, Streifen mit Namen und/oder verschiedenen historischen Aspekten des Bauhauses ziehen zu lassen oder auszuteilen.  Studenten bereiten die jeweiligen durch das Los determinierten Themen vor, geben ein Kurzreferat, oder setzen sich in Gruppen zusammen mit anderen Studenten, die das gleiche Thema erarbeiten und präsentieren es als Gruppe zusammen (46).

 

Das Umfeld - Chicago

Zur konkreten Vorbereitung für die Exkursion nach Chicago und das Befassen mit Gebäuden, die von deutschsprachigen Architekten entworfen wurden, ist es hilfreich, gewisse Vorkenntnisse mitzubringen, in diesem Fall insbesondere zu Ludwig Mies van der Rohe, dem Begründer des Internationalen Stils, welcher das Stadtbild Chicagos dominiert.  Dazu bieten sich Aktivitäten wie das gemeinsame Ausfüllen von Lückentexten zur Biographie Ludwig Mies van der Rohes an.  Auf diese Weise wird  sowohl die Biographie wie auch gewisses Vokabular erarbeitet bzw. wiederholt, wie „Stahl“ oder „Internationaler Stil“.  Ebenso zur Vorbereitung für die Exkursion werden Studenten gebeten, Fragen für die Architekturführerin vorzubereiten, was eine aktive und sinnvolle Beteiligung der Studenten an der Tour erleichtert.

 

Grammatik:  Passiv

Zum Befassen mit grammatikalischen Strukturen eignet sich in diesem Kontext besonders das Passiv, und typische Strukturen lassen sich leicht in allen gegebenen Texten ausfindig machen. Nach der Exkursion wäre Information zu spezifischen Fragen die besuchten Gebäuden und die Geschichte Chicagos betreffend zu erfragen, aber bereits vorab können sich die Studenten beispielsweise durch engagierende Trivia Fragen wie die Folgenden amüsieren und herausfordern lassen:

 

Wann wurde die Berliner Mauer gebaut?

Von wem wurde die Hauptrolle der Lola in Lola Rennt gespielt?

Wo wurde Lola Rennt gedreht? 

Von wem wurde das Sony Center gebaut?

 

Die Exkursion – Tour und Entdeckungsreise

Die Exkursion selbst beginnt mit einer Busfahrt in die Stadt und mit einer zweistündigen Tour der Dozentin Ingeborg Kohler,  die einen Schwerpunkt auf die Gebäude legt, die von deutschsprachigen Architekten entworfen wurden, wie Ludwig Mies van der Rohe (mit seinem Federal Center), Helmut Jahn (mit seinem State of Illinois Center oder seinem 55 West Monroe Gebäude), und auf Gebäude, die von diesen Architekten beeinflusst wurden, oder denen, die historisch wichtig sind und im Kontrast zur Moderne stehen.  Viele Studenten haben nie eine Architekturführung mitgemacht, und Information zu den Gründen, warum Hochhäuser gebaut wurden, welche Erfindungen, wie der Aufzug und das Telefon, dazu notwendig waren oder warum Gebäude wie das Federal Center aus Stahl und in Form von Blöcken gebaut wurden, ist für sie neu und interessant.

 

Allein die Information, die auf Deutsch durch die Tour vermittelt wird, wäre die Exkursion wert, aber auch andere Aktivitäten, die viel Spaß machen und die aktives Forschen und Kommunikation unter den Studenten anregen, lassen sich optimal einplanen.  So ist ein Lernmodul mit Ähnlichkeiten zu einer Schnitzeljagd (47) am Federal Center inszeniert worden und lässt die Studenten zunächst selbst Information zu den Gebäuden finden.  Zum Beispiel sollen die Studenten Fakten ausfindig machen wie:

 

Wo ist das FBI? 

Wie findet man es? 

Warum gibt es eine kleine Version der Statue Flamingo in der Post? 

Wie unterscheidet sich die Post von anderen Postgebäuden, die Sie besucht haben? 

Wo bekommt man einen Pass? 

 

Auf diese Weise entdecken die Studenten die Umgebung selbst und kommunizieren auf Deutsch, bevor die Dozentin die Einzelheiten präsentiert.

 

Auch erhalten die Studenten Portraitkarten (48), auf denen einzelne Fakten festgehalten werden und später verglichen und ausgewertet werden können, wie zum Beispiel Information zu dem Namen, dem Baujahr, und dem Architekten des Gebäudes, Eindrücke zu den Menschen, die sich dort befinden oder zu den anderen Gebäuden im Umfeld, oder eine Liste von Adjektiven, mit denen man diese Gebäude beschreiben könnte. Außerdem zeichnen die Studenten einen Sketch oder machen ein Erinnerungsphoto. (49)

 

Meistens wird als Teil der Exkursion nach der Tour ein Besuch in einem deutschen Restaurant arrangiert, was weitere Anstöße zum Gespräch über deutsche Kultur und deutsches Essen gibt, aber in erster Linie eine auflockernde, interessante Erfahrung, also ein Motivationsfaktor für die Studenten, ist, sich aktiv auf Deutsch mit anderen Menschen und den Anknüpfungspunkten zwischen den Kulturen zu engagieren.

 

Soweit möglich, werden noch weitere Aktivitäten integriert um den Immersionstag so reich wie möglich zu gestalten:  Im Frühling 2002 besuchte die Klasse die Ausstellung zu Ludwig Mies van der Rohe im Museum of Contemporary Art, zu der sie auch spezifische Fragen beantwortete, die später im Plenum diskutiert wurden.  Im Herbst 2003 machte die Klasse einen Ausflug zum IIT (Illinois Institute of Technology), das von Ludwig Mies van der Rohe gebaut worden war und das kürzlich mit einem neuen tubenförmigen Bau, dem Studentenzentrum von Rem Kohlhaas, in die Schlagzeilen gekommen war.  Besonders anregend waren die Vergleiche zwischen den beiden Campi und die Interaktion mit den deutschen Studenten, die sich an IIT bereit erklärt hatten, den amerikanischen Studenten den Campus zu zeigen und sich über den Studentenalltag auszutauschen.

 

Nach der Exkursion

Nach der Exkursion werden erste Reaktionen gesammelt, die bis jetzt immer sehr positiv waren.  Die Information, die durch die Architekturführung vermittelt wurde, sowie die Immersionsituation des Tages und die Erfahrung, zusammen im deutschen Restaurant zu essen, werden als Höhepunkte hervorgehoben.  Zur Verarbeitung der gelernten Information werden dann im Unterricht einige Fakten wiederholt.  Im Plenum wird mindestens ein Gebäude, das repräsentativ für die relevanten Stile war, diskutiert:  International Style, Chicago Style, Postmodern Style.  Das Einsetzen eines Wechselspiels  oder Informationsspiels hat sich hier als besonders effektive Methode erwiesen, die Studenten die aufgenommene Information sowie Passiv Strukturen praktizieren zu lassen.  Im Stil der Langenscheidt Publikation „Wechselspiel“ (50) befassen sich die Studenten mit individuellen Gebäuden und fragen einen Partner, der die richtige Antwort hat:  Wann wurde der Sears Turm gebaut?  Von wem wurde der Sears Turm gebaut?  Aus welchem Material?  In welchem Stil?  Dies könnte  selbstverständlich auch auf Gebäude oder Objekte in der ganzen Welt angewandt werden, sowohl als Abfragespiel, wobei der Fragende die Antwort hat und den anderen korrigieren kann, oder als Informationsspiel, bei dem der Fragende den anderen nach der Antwort fragt und die Fakten aufnotiert, bis alle relevanten Informationen erarbeitet sind.

 

Interaktive Studentenarbeiten

Ein besonders ergiebiger und aufschlussreicher Teil der Einheit war letztlich die Produktion der Studentenarbeiten, die als Resultat der Exkursion entstanden. (51) Alle Studenten sollten allein oder in Teamarbeit ein Thema vorstellen, das eine visuelle Komponente hatte und das die Klasse interaktiv einbezog.  Der Vortrag sollte nicht länger als 10 Minuten dauern und die Information, die während der Exkursion gelernt worden war, als Ausgangspunkt nehmen.  Als zweiter Teil des Projekts war vorgesehen, Texte zu produzieren, die auf einer Webseite publiziert werden sollten.  Besonders die interaktiven Arbeiten erwiesen sich als sehr engagierend und originell.  Eine Studentin entwarf beispielsweise eine Zeitleiste zum Leben Helmut Jahns, die sie an die Wand klebte.  Zu jedem Punkt hatte sie ein kleines Bild angefertigt, das man von der Leiste nehmen konnte.  Nachdem sie die Information zu jedem Bild präsentiert hatte, nahm sie alle Bilder von der Leiste weg und verteilte sie an die Studenten.  Die Studenten in der Klasse mussten dann die Bilder wieder richtig situieren und an das richtige Datum an der Wand kleben.  Die Aktivität machte viel Spaß und die Studenten schienen die Aufgabe problemlos zu lösen.   Unter den anderen Vorträgen waren Theatersketches zu den Gebäuden, die kommentierte Verteilung eines selbstgebackenen Strudels nach dem Berghoff Rezept, kreative Spiele, oder Power Point Präsentierungen mit Quiz Fragen.

 

Studententexte
Auch die Texte der Studenten waren ansprechend und informativ.  Die Studenten sollten einen zweiseitigen Text zum Thema produzieren, entweder zu einem Architekten, der in Berlin und/oder in Chicago gebaut hatte oder zu einem Gebäude in Chicago oder Berlin.  Auch sollten sie, soweit möglich, eigene Photos oder Interviews mit Leuten, die in den Gebäuden arbeiteten, integrieren, sowie auf grammatikalischer Ebene eine gewisse Anzahl von Passiv Strukturen.  Die Auswahl der Themen reichte von Beschreibungen des Berghoff Restaurants, des Federal Centers, des Thompson Centers, oder des Sony Centers und der Neuen Nationalgalerie in  Berlin bis zu Biographien von Ludwig Mies van der Rohe, Helmut Jahn, und Walter Gropius.  Ein Beispiel zu einer gelungenen Biographie (52) über Helmut Jahn beginnt mit:

Man kann nicht durch Chicago spazieren gehen ohne seine Gegenwart zu fühlen. Man findet ihn in dem Flughafen. Man sieht ihn in Brücken. Man wird ihn in vielen wichtigen Bürohäusern vorfinden. In den Hotels. In den Universitäten. Er kann in jeder Struktur sein. Er ist gleichzeitig in Afrika, Deutschland, und Singapur gewesen. Wie kann das sein? Er ist kein Zauberer, er ist Helmut Jahn, der berühmte Architekt.

Obwohl der deutsch-amerikanische Architekt Gebäude in der ganzen Welt konstruiert, bleibt sein Stil einfach und doch originell. Das war immer seine Philosophie.

 

Stilistisch waren hier einige Strategien eingesetzt worden, die in der Klasse diskutiert worden waren, wie Wiederholungen zur Betonung oder Metapher, die die Bedeutung veranschaulichen. Inhaltlich werden effektiv die internationalen Merkmale der Architektur und des Architekten betont.

 

Studentenbewertung

Auch die Kommentare zu der Einbindung des Lernorts in den Unterricht von den Studentinnen haben sich als entsprechend anerkennend und sehr positiv erwiesen.  Unter den Beispielen der schriftlichen Kommentare waren: The architecture tour was excellent!  The field trip was one of the most enjoyable parts of the class!  In four years here I have never gone on a field trip - this was great and so much fun!  I didn’t really know Chicago - those buildings and all the thought that went into creating them are amazing!  The trip opened up a new world for me.

 

Zur Planung

Obwohl viele Lernorte relativ leicht zu integrieren sind, sind doch einige pragmatische Aspekte zur Planung zu beachten.  Besonders ratsam ist es, Bewerbungen für Stipendien einzuleiten, da oft Gelder zur Finanzierung derartiger Projekte vorhanden sind.  Transportmittel sollten frühzeitig arrangiert und Reservierungen gemacht werden. Wenn auch ein Besuch in ein deutsches Restaurant erwünscht ist,  sollte in Betracht gezogen werden, dass manche Restaurants geschlossen sein könnten, wie zum Beispiel das bekannte Berghoff Restaurant in Chicago am Sonntag, oder wegen Feiertagen überfüllt.  Auch ist es hilfreich, die Studenten Fragen vorbereiten zu lassen und in das Thema so adäquat wie möglich einzuführen. 

 

Vorteile

Trotz des intensiven Einsatzes, der mit der Implementierung eines Lernorts verbunden ist, sind die Vorteile zahlreich und überzeugend:  Es ist eine anregende Alternative, den Unterricht im Klassenzimmer auf die Umgebung zu erweitern - das Material wird dadurch lebendig!  Der Lernort bietet die Möglichkeit zu Entdeckungen interessanter deutscher Einflüsse in der Gegend sowie zu einem besseren Verständnis der Struktur der Gesellschaft oder einiger Aspekte davon, die sonst nicht diskutiert werden würden.  Ein Werkstattprozess ist mit dem Entdeckungscharakter der Exkursion verbunden, der auch zur Verfertigung neuer Unterrichtsanlässe für andere Lernende führt.  Linguistisch ist es außerdem für die Studenten eine nützliche Erfahrung, eine deutsche Dozentin sprechen zu hören, besonders eine, die, wie Ingeborg Kohler, klar und deutlich spricht, freundlich ist, und es versteht, auf die StudentInnen einzugehen.  Letztlich ist die Exkursion eine gesellige Erfahrung, bei der sich die Teilnehmer besser kennen lernen, die Studenten Deutsch sprechen, und begeistert sind.



Zukunft des Projekts - Film/Video

Die Zukunft des Projekts schließt nicht nur weitere Exkursionen ein, sondern auch die Weiterarbeit an Materialien, die sich mit den Themen der Exkursionen befassen.  Die Autorin entwirft Aktivitäten zu Bildern aus Weimar, Dessau, und Berlin, die zum Teil auf dem Internet zu sehen sind, und seit August 2002 ist sie mit Kollegen an der Northwestern Universität (53) im Prozess, die Architekturführung von Ingeborg Kohler zu filmen und durch einzelne Videoclips zugänglich zu machen.  Diese Videoclips sollen durch interaktive Übungen ergänzt und bearbeitet werden und über das Internet abrufbar gemacht werden.  Erweitert wird dieses Projekt jetzt auch durch die Mitarbeit von IIT und deutscher Studenten, die auf Deutsch für amerikanische Studenten sowohl persönlich als auch auf Video Aspekte ihrer Umgebung präsentieren.

 

Interaktion mit Kollegen

Auch für andere Lehrer hat sich die Beschäftigung mit diesem Projekt als anregendes und produktives Forum erwiesen.  Die Autoren des Artikels leiteten am 6. November 2003 im Kontext der Tagung ICTFL (Illinois Council for the Teaching of Foreign Languages) einen Immersionstag.  Eine Gruppe von High School sowie College Lehrern wurde in die Materialien eingeführt, die von den Autoren zum Thema Bauhaus in Chicago produziert worden waren, nahm Teil an einer Architekturführung, aß im Berghoff Restaurant zu Mittag, und arbeitete in einer Lernspirale.  Die Teilnehmerkommentare zeigten die positive Reaktion auf die vorgeführten Ansätze.  Ebenso waren bereits im Dezember 2002 durch eine Zukunftswerkstatt in Chicago gemeinsame Ziele bei den Autoren und den  AATG Teilnehmern in Kentucky entdeckt worden, die durch eine Tagung  im März 2003 in Lexington, Kentucky, weiter definiert wurden.  Das Bauhaus Projekt in Chicago wurde dort von der Autorin als Pilotprojekt vorgestellt und sollte als Modell für Projekte und Aktivitäten im Ohio Valley gelten.  Der Austausch von Ideen wird weitergeführt und als inspirierendes Forum für das interaktive Forschen nach interkulturellen Spuren gesehen.

 

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Spurensuche – die Konstruktion authentischer Lernumgebungen

 

Nicht für jede Region in Nordamerika gilt der Glücksfall, mit dem Begründer des International Style und letzten Bauhaus Direktor Mies van der Rohe die ganze Skyline als einzigartigen Lernort vorzufinden. In Chicago musste dieser Lernort nicht identifiziert, kaum inszeniert und noch weniger begründet werden.

 

Aber die ‚Spurensuche’ aus linguistischer Sicht wird in vielen Fällen auch in anderen Regionen ertragreich sein: ‚Spurensuche’ beruht auf einem besonderen Geschichtsbegriff (Alltagsgeschichte = peoples’ history) und will regionale Lernorte durch forschendes Lernen erschließen helfen. Die italienischen Goethe Institute haben mit der Körber-Stiftung 2003/04 einen Spurensuche-Wettbewerb für die dortigen Sprachschüler vorbereitet (54). Inwieweit dieser Ansatz auch für den nordamerikanischen Raum verfügbar werden kann, wird von der Flexibilisierung der regionalen Spracharbeit der US-Institute abhängen (55). Alternativ kann auch – wie das Beispiel Chicago und Mittlerer Westen zeigt – über die Schiene der Generalkonsulate gearbeitet werden, wenn es darum geht, Lernorte in der Region zu erforschen, die auf deutsche Präsenz und Kulturarbeit verwandter ethnischer Gruppen ‚vor der eigenen Haustür’ verweisen.

 

Aus dem Vorwort des vor kurzem erschienen Begleitheftes zur ‚Spurensuche. German-speaking communities in Chicago and in the Midwest’ (56) das nach dem Vorbild der Körber-Stiftung als Leitfaden für die Schülerrecherchen dienen soll, wird die Übertragbarkeit auf andere Regionen in Nordamerika deutlich:

 

Historisch gesehen bedeutet ‘Spurensuche’ das Aufspüren von Wirklichkeit vor Ort, die Geschichte von unten. Wenn das forschende Interesse hinzutritt, wird dem Inhalt die Methode zugeordnet. Vielleicht liegt hier das Erfolgsrezept des ‚Wettbewerbs Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten’, in dem seit Beginn der 1980er Jahre ganze Schülergenerationen in Deutschland forschendes Lernen praktiziert haben.

 

Als sich gut 20 Jahre später Vertreter der deutschsprachigen Gemeinschaften in Chicago und Umland verabredeten, geeignete Stichworte zu einer Spurensuche vor Ort zusammen zu tragen, betraten sie in mehrfacher Hinsicht Neuland:

  • Zum ersten Mal erarbeiten Österreicher, Schweizer und Deutsche ein gemeinsames Thema zur ethnischen Präsenz in ihrem Arbeitsfeld, dem amerikanischen Mittleren Westen.
  • Im Ansatz wird auch erstmalig der Versuch unternommen, weiße Flecken dieser Präsenz für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute zu erforschen.
  • Und neu ist die gemeinsame Klammer, die vielleicht am Besten mit der Symbolik von Goethes ‚West-östlichem Divan’ beschrieben ist – dem jeweiligen Beitrag dieser deutschsprachigen Gemeinschaften zum real-existierenden Multikulturalismus ihres Gastlandes.

 

(57)

 

Eine Lernumgebung besonderer Art hat das Kultusministerium von Illinois (ISBE) bei Northwestern University in Auftrag gegeben – das Collaboratory Project (58). Dieser Lernort nutzt nicht nur konsequent alle verfügbaren Internetressourcen, sondern schafft auch eine learning community, in der Lehrer ihr Sprachprogramm entwickeln, Schüler ihre Lernergebnisse publizieren und alle Beteiligten im ständigen Dialog bleiben.

 

  1. Einwände (1) : das Lernort-Management

 

Wenngleich die hier vorgestellten Projektansätze keine theoretischen Konstrukte sind, sondern sämtlich praxisnah und in unterschiedlichen Arbeitsfeldern erprobt, drängt sich zunächst ein gewisser Überwältigungsverdacht auf. Wird nicht der Einbezug von Lernorten in den FSU, und zwar nicht sporadisch sondern systematisch und weitgehend, zu einer Überforderung der Lehrer und Schüler, sowohl inhaltlich als auch zeitlich führen? Wie kann es gelingen, die notwendigen curricularen Anbindungen zu leisten, die Bezüge zu Abschlussqualifikationen (z.B. den American Standards) herzustellen und das Ganze unter den gegebenen Unterrichtsbedingungen professionell umzusetzen?

 

Solche Einwände sind natürlich ernst zu nehmen, wenn dem Lernort-Ansatz überhaupt Realisierungschancen eingeräumt werden sollen. Aber wahrscheinlich verhält es sich hier wie mit der Nutzung von Gruppenunterricht in der Fremdsprache. Nicht wirklich von Unterrichtspraktikern in seiner äußerst positiven Funktion bestritten, zeigt die Unterrichtsforschung an deutschen Schulen (59), dass der Anteil von Gruppenarbeit (GA) an den eingesetzten Unterrichtsverfahren nicht einmal 10% beträgt. Daraus schließen GA-Protagonisten nun nicht, dass GA flächendeckend eingesetzt werden müsste, etwa um damit alle Bildungsdefizite zu beseitigen – aber eine Erhöhung des Anteils auf etwa ein Drittel wäre durchaus erstrebenswert. Vermutlich wird, wenn Lernorte vermehrt in das Fremdsprachenangebot aufgenommen werden, auch hier eine gewisse Eigendynamik einsetzen, und Lernende werden diese Projektform häufiger wahrnehmen wollen – Erfahrungen und Rückmeldungen der Studenten an Northwestern University nach ihrem Bauhaus-Projekt legen diese Vermutung jedenfalls nahe. (60)

 

So ist es also völlig nachvollziehbar, wenn der hier in Rede stehende Lernort-Ansatz zunächst nur als eine Ideenbank verstanden, wird, die bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu einem Field Trip zu Rate gezogen wird. Längerfristig ist es allerdings durchaus möglich, eine Strategie der kleinen Schritte zu verfolgen, die das Einpassen der Lernorte in das Deutschcurriculum erleichtern und tatsächlich zu erheblichen inhaltlichen und sprachlichen Gewinnen führen, so wie sie bei den oben beschriebenen Projektbeispielen festgehalten wurden. Ist dieser Weg einmal eingeschlagen, so können Routinen entstehen, die nicht nur den Anfangsaufwand minimieren, sondern die Lernkultur insgesamt sehr positiv beeinflussen. Einige davon werden kurz weiterverfolgt:

 

4.1 Das Drehbuch zum Lernortbesuch

 

Wenn ein ausreichender zeitlicher Vorlauf zum eigentlichen Lernortbesuch (hier als Field Trip beschrieben) vorhanden ist, sollte die Planungskompetenz der eigenen Schüler von Beginn an miteinbezogen oder trainiert werden. Nicht alle Arbeitsblätter müssen aus der Feder des Lehrers stammen, nicht alle Verabredungen und Buchungen von ihm getroffen, nicht alle Erkundungsziele von ihm selbst festgelegt werden. So entsteht in gemeinsamer Planungsarbeit ein Drehbuch, das nicht nur die Aktivitäten am Lernort selbst festhält, sondern auch die vor- und nachbereitenden Schritte, die ja erst die Verbindung zum Curriculum herstellen (vgl. Lernort-PAD). Diese Drehbücher gehen – z.B. als Dokumentation im Sprachenportfolio – in den Besitz der Lernenden über, bleiben aber auch für weitere Vorhaben verfügbar, wenn sie entsprechend – z.B. im Collaboratory Project (61) – gespeichert werden.

 

4.2 Experten in die Schule bringen

 

Nicht immer wird der Schulbus zur Verfügung stehen, um Oral History Projekte vor Ort abwickeln zu können. Dann ist es auch möglich, den Lernort – oder wichtige Elemente davon – in den Unterricht selbst zu holen. Der Zeitzeuge oder Experte wird dann genauso, als handele es sich um eine pädagogische Exkursion, auf das Vorhaben eingestimmt, Fragen abgesprochen, Hintergründe recherchiert. Ist das Thema für einen größeren Interessentenkreis geeignet, so wird der Lernort nicht die Klasse, sondern die Schulöffentlichkeit – mit Simultanübersetzungen, Podiumscharakter oder Diskussionsforum (62).

 

4.3 Unterricht neu denken

 

Lernort-Projekte, das hat die bisherige Beschreibung zeigen können, haben sehr unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer jeweils konkreten Funktion: Je nachdem, was dabei im Vordergrund steht, ob

 

wird die Unterrichtsform selbst einen spezifischen Akzent erhalten, und eher Recherche-betont, Übungs-orientiert und/oder Station-bezogen entwickelt. Aber selbstverständlich sind die traditionellen Verfahren auch weiterhin notwendig – der Lehrervortrag (den auch ein versierter Schüler übernehmen kann!), der Frontalunterricht oder die Trainingseinheit werden dann allerdings als Funktion des Gesamtvorhabens und nicht als Aktivität per se legitimiert sein.

 

4.4 der bilinguale Ansatz

 

Einer der Hauptargumente für die Nutzung von Lernorten ist die Möglichkeit, in der Vor- und Nachbereitung fächerübergreifend, im Idealfall sogar bilingual zu arbeiten. Besonders die Themen der Spurensuche (63) legen es nahe, Fachkollegen – z.B. aus der Musik oder Kunst – in ein Vorhaben mit ein zu beziehen und streckenweit gemeinsam vorzugehen. Die Kooperationsmöglichkeiten, die dabei entstehen, sind nicht nur eine gute Gelegenheit, die eigene fachbedingte Isolierung zu überwinden, sondern schaffen auch für die Lernenden neue Kooperationsmöglichkeiten – bis hin zu neuen Lernformen, wie sie team teaching und veränderte Unterrichtstakte (90 Minuten, Vormittag, Projekttag usw) ermöglichen. Ganz abgesehen davon, dass die oft beklagte Fach-Fragmentierung wenigstens an Stellen aufgehoben werden kann und Zusammenarbeit dort realisiert wird, wo sie hingehört: im interkulturellen Lernen, der Literaturarbeit, der Sprache und Kunst u.v.m.

 

4.5 Die Vernetzung der Lernorte

 

Fachkonferenzen bei vielen Fremdsprachen-LehrerInnen sind Ein-Personen Veranstaltungen, die die Synergie kollegialer Zusammenarbeit nicht nutzen können. Dies ist einer der am Häufigsten beklagten Defizite amerikanischer Schulwirklichkeit (64). Und es ist einer der Gründe, warum Deutschlehrer-Netzwerke notwendig sind und in der Regel erfolgreich arbeiten können. Treten Trainer-Angebote hinzu, so wird eine Region oder Chapter des AATG besser betreut werden können und aktiver handeln. Trotz des überall stattfindenden Netzwirkens ist aber an Stellen die Frage der Nachhaltigkeit nur schwer zu lösen. Was passiert zwischen den Fremdsprachen Tagungen, den Echo-Seminaren, wie werden große Entfernungen überbrückt, KollegInnen motiviert, ein Wochenende zu opfern usw? Wenn es gelingt, in der Region ein Netz von Lernorten aufzubauen, die gegenseitig genutzt werden, entsteht ein wichtiges Bindemittel der Netzwerkarbeit; mit der Perspektive, gemeinsame Lernort-Projekte zu entwickeln und zu pflegen, entsteht nicht nur die Notwendigkeit zur regelmäßigen Zusammenarbeit, sondern auch der arbeitsteilige Nutzeffekt kollegialer Kooperation (65).

 

 

  1. Einwände (2) – die Lernspirale

 

‚Try It, You’ll Like It’ (66)

 

Natürlich werden bei der curricularen Anbindung, der sprachlichen Vorbereitung und der Auswertung in der Lernort-Arbeit unterschiedliche Sprachniveaus zu berücksichtigen sein. Bei den hier beschriebenen Projekten sind dazu bereits eine Reihe von Vorschlägen gemacht worden (67). Die Unterscheidung zwischen beginners, intermediate und advanced kann mit Hilfe der Kannbeschreibungen in ‘Profile Deutsch’ (68) noch verfeinert und auf die einzelnen Standards zugeschnitten werden.

 

Aber der Eingangs gemachte Einwand, ‘Weltprobleme in Kindersprache?’ wird dadurch nicht vollends entkräftet, und es muss zudem geklärt werden, welche Konsequenzen die Forderung nach unterschiedlichen Lernstilen für die methodische Inszenierung des lernort-orientierten FSU selbst hat.

 

Mit Hilfe von Lernspiralen wird die Unterrichtsorganisation selbst einer Revision unterzogen und der Prozess des Fremdsprachen-Erwerbs nachhaltig verändert. Die Arbeit mit der Lernspirale bedeutet, frei nach Klipperts Definition (69) ‘eindringliches’ Lernen, bei dem Lernende sich mit verschiedenen Lernaktivitäten ein bestimmtes Thema